Interview mit Dipl.-Ing. Bert Schusser
Information | 30. Januar 2014

Dipl.-Ing./ Dipl.-Betriebsw. (FH) Bert Schusser ist Energieexperte und Referent beim Wirtschaftsdialog „Energieeffizienz in KMU“. Im Gespräch erklärt der Energieexperte den genauen Ablauf von Energiemanagementsystemen und schätzt den momentanen Stand der Energiewende ein.

Herr Schusser, auf dem Wirtschaftsdialog soll die Frage geklärt werden, ob sich Energiemanagementsysteme für Unternehmen lohnen. Können Sie kurz erläutern, warum solche Systeme für Unternehmen sinnvoll sein können?
In diesem Zusammenhang muss man feststellen, dass die Einführung von Energiemanagement-systemen ein systematischer Lösungsansatz für Unternehmen ist, die knappe Ressource Energie effizient einzusetzen und führt in Folge zur Transparenz über die In- und Outputs aus den energierelevanten Prozessen. Schlussfolgernd ist dies aber auch die konsequente Umsetzung des Prinzips des Wirtschaftens unter Berücksichtigung ökonomischer wie ökologischer Knappheit in Bezug auf die erforderlichen Produktionsfaktoren. Die Allokation von ausreichenden Ressourcen zum akzeptablen Preisen ist deshalb ein wichtiger und nicht zu unterschätzender Faktor für die Existenz der Unternehmen und liegt daher im Fokus der öffentlichen Wahrnehmung und gehört damit auch zu den politischen Basisthemen.

Wie sieht ein Energiemanagementsystem nun genau aus?
In erster Linie ist Energiemanagement ein Führungsprozess innerhalb der Unternehmen mit dem Ziel der kontinuierlichen Verbesserung der Effizienz aller energierelevanten Prozesse. Im Unterschied zu anderen Ansätzen wie die des Energieaudits oder des Gewerbeenergiepasses verfolgt Energie-management einen systematischen Ansatz der nach einer ersten energetischen Analyse aller Prozesse zur Vereinbarung von Effizienzzielen, deren Überwachung und Steuerung aber auch zur Lenkung dieser Prozesse unter beherrschten Bedingungen führt. Dies ist, wie schon erwähnt, ein kontinuierlicher Prozess der immer wieder durchlaufen wird. Unter diesem Nexus wird durch die Einführung von  Energiemanagementsystemen in die Struktur- aber vor allem auch tief in die Ablauforganisation der Unternehmen eingegriffen.  Ähnlich wie bei anderen Managementsystemen basiert der Denkansatz des Energiemanagementsystem auf den Regelkreis Plan, Do , Check und Act „PDCA“ nach William Edwards Deming auf dem Prinzip des japanischen Kaizens.   

Auf welchen Wegen sparen Unternehmen normalerweise Energie?
Im Grunde führt Energiemanagement auf zwei Ebenen zu Einsparungen. Die eine Ebene ist die Prozessebene, in der wir versuchen, das Bewusstsein der Akteure im Unternehmen zu fördern, um Prozesse dementsprechend zu optimieren, dass das Erreichen der Effizienzziele zu effektiven Abläufen und damit zu Einsparungen führt.

Auf der anderen Seite wird versucht über die Verbesserung der vorhandenen oder Einführung von neuer Mess-, Steuer- und Regeltechnik die Ressourceneinsätze deutlich zu optimieren. Darüber hinaus spielen Themen wie die der Vermeidung oder der Optimierung von Verlusten, die Gewinnung und Nutzung von Energien und Stoffen aus Transformationsprozessen wie zum Beispiel die Nutzung von Restwärme oder die Sanierung von Gebäuden und Haustechnik eine wichtige Rolle bei der Verbesserung der Ist-Situation der Unternehmen.

Ein großer Preistreiber für Strom ist die Energiewende. Wie schätzen sie den jetzigen Stand ein?
Nun das ist eine schwierige Frage. Der Ausstieg aus der Kernenergie ist politisch bis zum Jahr 2022 beschlossen und in der Folge investieren die Energieversorgungsunternehmen nicht mehr in diese Technologie. Allerdings ist das Problem in diesem Zusammenhang, dass die Alternativen für den Ausstieg aus der Kernenergie und dem kontinuierlichen Rückgang der fossilen Energien begrenzt sind und derzeit nur durch den deutlichen Ausbau der erneuerbaren Energien bei gleichzeitig deutlicher Erhöhung der Energie- und Ressourceneffizienz zu realisieren ist. Dieser Ausbau ist aber wiederum mit Themen und Problemen gleichermaßen wie der Veränderung der Versorgungsnetze, der Schaffung von Speichermöglichkeiten im großen Maßstab, der Veränderung des Marktdesign und der Schaffung der rechtlichen Rahmenbedingung miteinander verbunden. Hierfür gibt es aus meiner Sicht dringenden Klärungsbedarf für die Politik in Deutschland und Europa.

Also sind Sie der Meinung, dass Deutschland zu früh aus der Atomenergie ausgestiegen ist?
Ich denke, dass ein Paradigmenwechsel notwendig war und ist. Ich kann jetzt nicht sagen, ob die Zeit zu früh oder zu spät ist. Aber wir haben eine ganze Reihe von Möglichkeiten verpasst, um die notwendigen Voraussetzungen für die Zukunft zu schaffen. Ich denke in den letzten Jahren wurde in vielerlei Hinsicht relativ halbherzig agiert und jetzt hat man de-facto das energiepolitische Dilemma, dass man heute umso schneller reagieren muss, damit die Energiewende überhaupt noch in im Rahmen der geplanten Zeit möglich ist. Ich denke nicht, dass es falsch ist aus der Kernenergie auszusteigen. Es muss einen Richtungswechsel geben und dieser wird sicher kommen. Die Frage aus meiner Sicht ist nur wie lang dies dauert.

Am 4. Februar 2014 sind Sie Referent zu diesem Thema beim Wirtschaftsdialog. Dort gibt es dann die Möglichkeit mit Ihnen über die Themen Energiemanagement und die Energiewende zu diskutieren. Herr Schusser, ich bedanke mich für das Interview.

Das Interview führte Jonna Hofmann (Mitteldeutsche Journalistenschule)