„Es gibt keine Geheimnisse."
Was man nicht auf eine Postkarte schreiben würde, sollte man auch nicht in Facebook stellen.

"Wir sollten ehrlich mit uns sein und akzeptieren, dass Daten im 21. Jahrhundert ein Zahlungsmittel geworden sind". Wie wir mit Sozialen Medien umgehen sollten, bringt der Cybercrime-Experte auf eine einfache Formel: Es gibt keine Geheimnisse – Was man nicht bereit wäre auf einer Postkarte zu versenden, sollte man auch nicht via Facebook verbreiten.

Das Gespräch mit Prof. Dr. Christian Hummert (CH) führte Beate Appel (BA).

BA: Woran forschen Sie gerade?

CH: Wir haben ein großes Forschungsprojekt. Wir beschäftigen uns mit dem Thema „Was kann bösartige Software in Unternehmen anstellen?“ Wenn wir an Industrieroboter oder Industrieanwendungen denken, ist es auch möglich bösartige Software zu schreiben, die diese Geräte manipuliert oder massive Schäden anrichtet. Das bekannteste Beispiel ist der Stuxnet-Virus vor zwei Jahren, indem im Iran Uranzentrifugen manipuliert wurden. Und wir bauen quasi Virenscanner für Industrieanwendungen.

BA: Was ist aus Ihrer –  cybercrime – Sicht das bemerkenswerte an der Causa Facebook?  Was ist Facebook aus rechtlicher Sicht vorzuwerfen?

CH: Das bemerkenswerte aus datenschutzrechtlicher Sicht ist, wenn jemand einen Facebook-Account eröffnet, dann stimmt er Facebook der Datenverarbeitung zu. Die Daten sind abgeflossen über eine App und wenn man diese App verwendet, stimmt man der Datenverarbeitung auch zu. Das wäre insofern unkritisch. Facebook ist meines Erachtens vorzuwerfen, das über diese App auf die Daten von Freunden zugegriffen werden konnte. Man hat also nicht nur die Daten der zustimmenden Personen verwendet, sondern auch die Daten deren Freunde einsehen können. Die haben dem aber nicht zugestimmt. Das mag vielleicht nach der Facebook-AGB gehen, ist aber mit deutschen Datenschutzrechten nie vereinbart gewesen und mit der europäischen Datengrundverordnung schon gar nicht. Inzwischen hat Facebook seit wenigen Wochen abgeschaltet. Das war auf jeden Fall die Causa Facebook.

"Wir bezahlen inzwischen viele Dinge mit Daten."

BA: Wie beurteilen Sie das?

CH: Wir bezahlen inzwischen viele Dinge mit Daten und wenn wir ehrlich sind, dann wissen wir das auch. Ein neues Smartphone von Apple kostet 1200 Euro, ein neues Smartphone von Samsung kostet vielleicht 600 Euro. Diese fehlenden 600 Euro müssen irgendwo herkommen und die bezahlen wir eben damit, dass z.B. das mobile Betriebssystem Android einfach viel mehr Daten abgreift und überträgt als es das iOS als Betriebssystem tut. Das müssen wir anerkennen. Jeder von uns kann entscheiden, ob er mit Euro oder mit Daten bezahlen will. Diese Wahrheit wollen die Leute aber nicht wahr haben. Wir müssen ehrlich mit uns sein, dass Daten ein Zahlungsmittel im 21. Jahrhundert geworden sind.

BA: Was ist FB aus rechtlicher Sicht vorzuwerfen? Ist, an die Datenschnittstellen zu gehen, kriminell?

CH: Soweit ich das überblicken kann, sind die Daten über eine App abgeflossen, die zu Forschungszwecken analysiert und dann an Cambridge Analytica verkauft wurden. Das ist nach deutschem und europäischem Recht eine Straftat. Im US-Datenschutz stecke ich nicht so tief drin, um das einschätzen zu können.

BA: Wie sollen wir uns in Zukunft verhalten? Was ist für Unternehmen, was für Privatpersonen kritisch? 

CH: Für Unternehmen ist es wahrscheinlich sogar unkritischer als für Privatpersonen. Es gibt Daten, an denen haben wir durchaus Interesse, dass sie verbreitet werden. Ein Unternehmen, das etwas produziert, möchte auf seine Kunden zukommen. Die Adresse des Unternehmens und das Produktportfolio sind öffentlich und wenn Facebook zur Verbreitung dieser Information beiträgt, dann ist das gut für das Unternehmen. Wenn aber das Unternehmen, z.B. unter Facebook Freundschaften mit Partnern unterhält, dann muss dem Unternehmen klar sein, dass diese Beziehungen öffentlich sind. Es könnte auch sein, dass das Unternehmen strategische Partner hat, die sie erst einmal unter dem Radar schwimmen haben wollen. Im Facebook gibt es nichts, was unter dem Radar schwimmt, d.h. ich müsste mir klar sein, dass alles was im Facebook passiert, öffentlich ist. Etwas, das ich nicht bereit wäre auf eine Postkarte zu schreiben und in einen Briefkasten zu werfen, das sollte ich erst recht nicht im Facebook kommunizieren.

BA: Sollen wir unsere Facebook Accounts jetzt besser löschen? 

CH: Also wir teilen das mal. Das sind unterschiedliche Fragen. Wenn ein Unternehmen davon profitiert und durch die Werbung, die es über Facebook schalten kann, Kunden bzw. Geld generiert, dann würde ich dem Unternehmen nicht raten diesen Account zu löschen. Das Unternehmen sollte sich aber klar sein, dass bestimmte Daten in Facebook nichts zu suchen haben – Daten, die nicht öffentlich sind. Für Privatpersonen ist es genau das Gleiche. Wenn ich Facebook benutze, um mit meinen Schulfreunden in Kontakt zu bleiben oder Termine zu machen, dann kann ich das tun. Ich muss mir aber auch da klar sein, dass es keine Geheimnisse gibt. Wenn ich einen Termin oder eine Beziehung zu einer Person habe, die ich für nicht öffentlich halte, dann sollte ich das nicht über Facebook abwickeln. Facebook ist ein sehr schlechter Ort um z.B. Affären zu pflegen.

"Im Facebook gibt es nichts, was unter dem Radar schwimmt."

BA: Sind Sie in Facebook?

CH: Ich nutze Facebook privat. Aber auch nur sehr eingeschränkt. Z.B. habe ich im Facebook ganz bewusst nicht einen einzigen Freund, der in Mittweida lebt, keine Kollegen und keine Studenten, weil ich eben nicht möchte, dass sich mein privates und berufliches Leben durchmischt. Ich habe mir auch die Privatsphäre-Einstellungen im Facebook sehr genau angesehen und wenn Sie mein Profil ankucken, sehen Sie ein Foto von mir, das sich ohnehin öffentlich im Internet befindet. Sie könnten prinzipiell erkennen, dass es sich um mich handelt und Sie könnten mir auch eine Nachricht schicken, aber wenn Sie mir eine Freundschaftsanfrage stellen, würde ich sie freundlich ablehnen, weil Sie nicht zu meinem privaten Umfeld gehören. Ich könnte mir einen zweiten geschäftlichen Account zulegen, sehe aber als Professor einer Hochschule keinen Mehrwert darin.

BA: Ich habe verstanden. Ich werde mich hüten, Ihnen eine Freundschaftsanfrage zu senden.

CH: Vielleicht bin ich da auch privat eingeschränkt. Ich habe einen bestimmten Kreis unter meinen Facebook-Freunden, die auch irgendwie zusammen gehören, quasi ein Freundeskreis. Die Daten, die in diesem Personenkreis fließen sind sozusagen öffentlich. Da ist es auch nicht schlimm, wenn einer meiner Freunde die Daten eines anderen meiner Freunde zur Kenntnis nimmt. Wenn ich aber jetzt eine fremde Person, z.B. Sie, hinzunehme, dann würde ich plötzlich privates mit Ihnen teilen. Sie wissen nur, dass ich in Mittweida Professor bin. Plötzlich würden Sie anhand meiner Freunde sehen wo ich tatsächlich wohne, welche Hobbys ich habe, welche Facebook-Gruppen ich teile oder was ich gern einkaufe. Das sind Informationen, die ich zunächst nicht mit Ihnen teilen möchte, weil wir nur eine Geschäftsbeziehung haben.

"Für Firmen ist Facebook eine sehr gute Werbeplattform."

BA: Abschließend,  was geben Sie uns als Menschen in der Unternehmensführung mit auf den Weg?

CH: Ich halte Facebook als Karrierenetzwerk gänzlich ungeeignet. Um einen Job zu finden, gibt es geeignetere Plattformen. Für Firmen ist Facebook eine sehr gute Werbeplattform. Ich würde mir immer sehr gut die Trennung zwischen privat, geschäftlich, öffentlich und geheim überlegen. Immer wenn ich etwas ins Facebook tippe, muss ich mich vorher fragen – Ist es ein öffentliches Thema? Und wenn ich diese Frage guten Gewissens mit „Ja“ beantworten kann, dann kann ich auch die Enter-Taste drücken.

Interview und Redaktion: Beate Appel
Produktion: Steve Feige
Foto: pixabay

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