Warum der Gasmarkt gerade ein Lehrbuch „in Echtzeit“ ist

Energieökonomie in der Praxis

Warum steigen Energiepreise scheinbar über Nacht und warum fallen sie manchmal genauso schnell wieder? Um die Beantwortung dieser Frage, die sowohl Privathaushalte als auch Unternehmen beschäftigt, ging es Ende Januar in einem Praxisvortrag im Rahmen des Moduls “Wirtschaftswissenschaftliche Kernkompetenzen” unseres berufsbegleitenden MBA-Studiengangs.

Dr. Nicole Nulsch, Leiterin Marktanalyse bei der VNG AG, die zuvor im Institut für Wirtschaftsforschung Halle tätig war, gab im Vortrag einen fundierten Einblick in die Mechanismen der Energiemärkte. Anhand des Gasmarktes zeigte sie, warum Preise schwanken, welche Faktoren eine Rolle spielen und warum sich diese Dynamiken nicht isoliert betrachten lassen.

 

Energiepreise folgen ökonomischen Grundprinzipien

Gas ist eine sogenannte „Commodity“, also ein handelbares Gut. Wie bei allen Gütern gilt auch hier zunächst ein einfaches Prinzip: Der Preis bildet sich aus Angebot und Nachfrage. Steigt die Nachfrage oder sinkt das Angebot, steigen die Preise und umgekehrt.

Besonders interessant ist dabei die enge Verbindung zwischen Gas- und Strommarkt. Gas spielt im Stromsystem eine zentrale Rolle, weil Gaskraftwerke flexibel einsetzbar sind. Sie springen immer dann ein, wenn Wind- und Solarenergie nicht ausreichen, um die Nachfrage zu decken. Da Strom immer exakt in dem Moment erzeugt werden muss, in dem er verbraucht wird, entscheidet häufig das zuletzt benötigte Kraftwerk über den Strompreis. Dieses Prinzip wird als Merit-Order-System bezeichnet.

 

Das Merit-Order-System: Grenzkosten bestimmen den Preis

Im Strommarkt werden Kraftwerke nach ihren variablen Kosten (sogenannten Grenzkosten) eingesetzt. Erneuerbare Energien wie Wind und Sonne haben sehr niedrige Grenzkosten und kommen daher zuerst zum Einsatz. Reicht ihre Erzeugung nicht aus, folgen Kohle- und schließlich Gaskraftwerke, die höhere Kosten haben.

Das entscheidende Kraftwerk ist dabei das, welches die letzte noch benötigte Kilowattstunde liefert. Dessen Kosten bestimmen den Strompreis für alle Marktteilnehmenden. Da Gaskraftwerke häufig diese Rolle übernehmen, wirkt sich der Gaspreis direkt auf den Strompreis aus. Steigt der Gaspreis, steigen daher oft auch die Strompreise – selbst wenn der Großteil des Stroms aus günstigeren Quellen stammt.

 

Wie der Gaspreis entsteht: Märkte, Handelsplätze und Zeitfaktoren

Der Gaspreis bildet sich heute an liberalisierten Handelsplätzen. In Deutschland ist dies der Trading Hub Europe (THE), ein virtueller Handelspunkt (VHP), an dem Anbietende und Nachfragende tagesgenau ihre Mengen melden. Dadurch entsteht ein Markt, der den idealtypischen Annahmen der Volkswirtschaftslehre sehr nahekommt: Transparenz, Wettbewerb und kurzfristige Preisanpassung.

Besonders im Gasmarkt spielen Zeitfaktoren eine große Rolle. Pipelinegas ist relativ konstant verfügbar, während Flüssiggas (LNG) längere Transportzeiten hat. Entscheidungen über Angebot und Nachfrage müssen daher oft Wochen im Voraus getroffen werden. Gleichzeitig können Wetterereignisse, technische Ausfälle oder geopolitische Entwicklungen kurzfristig erhebliche Auswirkungen haben.

 

Aktuelle Marktlage: Viel Angebot, aber hohe Unsicherheit

Aktuell ist der europäische Gasmarkt von einem hohen LNG-Angebot geprägt. Vor allem die USA haben ihre Exportkapazitäten stark ausgebaut. Auch aus Ländern wie Algerien und Katar stehen große Mengen zur Verfügung. Gleichzeitig bleibt die Nachfrage in Asien – insbesondere in China – hinter früheren Erwartungen zurück. Diese Kombination wirkt grundsätzlich preisdämpfend.

Hinzu kommt: Die deutschen Gasspeicher sind zwar niedriger gefüllt als im Vorjahr, bewegen sich jedoch im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben. Trotz kalter Winterphasen sieht das Marktanalyseteam der VNG derzeit kein akutes Risiko einer Gasmangellage in Deutschland. Selbst bei hoher Nachfrage gelten die globalen Lieferketten als ausreichend robust.

 

Geopolitik, Wetter und Finanzmärkte als Preistreiber

Neben klassischen Fundamentaldaten spielen externe Faktoren eine immer größere Rolle. Kalte Winter erhöhen die Heiznachfrage deutlich und diese ist kurzfristig kaum flexibel. Gleichzeitig beeinflussen geopolitische Spannungen wie der Krieg in der Ukraine oder handelspolitische Entscheidungen der USA die Erwartungen der Marktteilnehmenden, was sich direkt auf Preisrisiken auswirkt.

Ein weiterer Faktor sind Finanzinvestitionen. Investmentfonds nutzen die hohe Volatilität der Energiemärkte gezielt aus. Ihre Erwartungen und Positionierungen können Preisschwankungen verstärken – unabhängig davon, ob sich Angebot oder Nachfrage real verändert haben. Für Unternehmen bedeutet das: Preise reagieren nicht nur auf physische Knappheit, sondern auch auf Marktstimmungen.

 

Fazit

Der Vortrag von Dr. Nicole Nulsch macht deutlich: Energiepreise sind das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels aus Marktmechanismen, politischen Rahmenbedingungen und externen Einflüssen. Für Unternehmen ergeben sich daraus mehrere praktische Erkenntnisse.

  • Erstens lohnt sich ein grundlegendes Verständnis der Marktlogik. Wer weiß, warum Preise entstehen, kann Risiken besser einschätzen.
  • Zweitens gewinnt die strategische Beschaffung an Bedeutung. Viele Unternehmen sichern ihre Energiemengen heute langfristig ab, um Preisspitzen zu vermeiden.
  • Drittens zeigt sich, dass Energiepreise zunehmend auch ein Managementthema sind – etwa im Risikomanagement, in der Kostenkalkulation oder bei Investitionsentscheidungen.

 


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