Warum der Gasmarkt gerade ein Lehrbuch „in Echtzeit“ ist
Energieökonomie in der Praxis
Warum schwanken Gaspreise so stark und weshalb hängen Wetter, Weltpolitik und wirtschaftliche Erwartungen dabei untrennbar zusammen? Um die Beantwortung dieser Frage ging es Ende Januar im Praxisvortrag von Frau Dr. Nicole Nulsch, Leiterin Marktanalyse bei der VNG AG, die zuvor im Institut für Wirtschaftsforschung Halle tätig war.
Der Vortrag fand im Rahmen des Moduls “Wirtschaftswissenschaftliche Kernkompetenzen” unseres berufsbegleitenden MBA-Studiengangs statt und zeigte: Der Gasmarkt ist heute nicht nur „Energieversorgung“, sondern ein System aus globalen Lieferketten, Finanz- und Terminmärkten, politischer Regulierung und geopolitischen Risiken.
Energie, Wirtschaft und Geopolitik: ein System mit Rückkopplungen
Gaspreise entstehen nicht im luftleeren Raum. Sie spiegeln gleichzeitig physische Verfügbarkeit, wirtschaftliche Erwartungen und politische Risiken wider.
Energie beeinflusst Wirtschaft: Energiepreise wirken direkt auf Kosten, Wettbewerbsfähigkeit und (über Erwartungen) auch auf Investitionsentscheidungen.
Wirtschaft beeinflusst Energie: Konjunktur, Strukturwandel und Elektrifizierung verändern Nachfrage – und damit, wie angespannt oder entspannt Märkte reagieren.
Geopolitik beeinflusst beides: Konflikte, Sanktionen, Zölle und Sicherheitsstrategien verändern Handelsströme, Investitionspläne und Risikoaufschläge.
Regulierung als zusätzlicher Marktfaktor: Vorgaben (z. B. zu Emissionen oder Lieferketten) wirken nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch – weil sie Kosten, Lieferfähigkeit und Entscheidungsräume von Unternehmen beeinflussen.
Was aktuell auf dem Gasmarkt passiert
Ein Wintereinbruch ist am Gasmarkt kein bloßes Wetterthema, sondern ein unmittelbarer Nachfrageschock: Sinkende Temperaturen erhöhen den Heizbedarf und damit die kurzfristige Gasnachfrage. Entsprechend richtet sich der Blick der Marktakteure auf Größen, die kurzfristige Knappheit sichtbar machen.
Wetter und Nachfrage: Kältephasen erhöhen die Abnahme, oft schneller als sich Angebot kurzfristig anpassen lässt.
Speicher als Engpassfaktor: Gas ist speicherbar – aber Speicher sind endlich. Entscheidend ist nicht nur der Füllstand, sondern auch die Ausspeichergeschwindigkeit: Wie schnell leeren sich Speicher in einer Kältephase?
Sommer–Winter-Logik: Im Vortrag wurde herausgearbeitet, wie wichtig der Preisabstand zwischen Sommer- und Winterlieferungen (vereinfacht: der „Spread“) für Einlagerung und Vorsorge ist. Wenn sich diese Anreize verschieben, rücken Speicherziele und politische Rahmenbedingungen stärker in den Fokus.
Wie weltpolitische Ereignisse Preise und Nachfrage beeinflussen
Der Vortrag machte deutlich: Weltpolitik wirkt am Gasmarkt auf zwei Ebenen – über physische Risiken (Liefermengen, Routen, Infrastruktur) und über Erwartungen. Oft bewegen schon Signale und Unsicherheit die Preise, bevor tatsächlich etwas ausfällt.
Risikoprämien und Marktsprache: Ereignisse können „bullisch“ (preistreibend) oder „bearisch“ (preisdrückend) wirken – je nachdem, ob Marktteilnehmer eher Knappheit/Risiko oder Entspannung/zusätzliches Angebot erwarten.
Ukraine/Russland und Neuordnung von Flüssen: Geopolitische Spannungen verändern dauerhaft, wie Gasströme organisiert werden – und damit auch, wie stark Europa von globalen LNG-Mengen und deren Konkurrenz um Nachfrage abhängig ist.
USA und LNG als Unsicherheitsfaktor: Im Vortrag wurde diskutiert, dass bereits die Frage politischer Einflussnahme (z. B. über Handelspolitik) Unsicherheit erzeugt. Selbst wenn sich am Ende keine Mengen „in Luft auflösen“, können Handelsströme umgelenkt werden – und genau diese Umlenkung kann kurzfristig preistreibend sein.
Globale Nachfrage – Asien als entscheidender Spieler: Ein zentrales Element ist, wie viel LNG Asien nachfragt bzw. aufnehmen kann. Veränderungen dort wirken wie ein Hebel auf Europas Beschaffungslage.
Wie die Preisbildung auf dem Gasmarkt funktioniert
Gaspreise entstehen durch Handel auf unterschiedlichen Zeithorizonten. Der Vortrag betonte, dass man deshalb immer fragen muss: Reden wir über den Preis „für jetzt“ oder über Erwartungen für die kommenden Jahre?
- Spot (z. B. kurzfristige Lieferungen): besonders wetter- und speichergetrieben.
- Terminmarkt (Forward-Kurve): Preise für künftige Lieferzeiträume, die Erwartungen über Versorgungslage, Risiken und Marktgleichgewichte bündeln.
Fundamentaldaten plus Risiko: Grundsätzlich prägen Angebot und Nachfrage den Preis – ergänzt um Risikoaufschläge. Geopolitik wirkt dabei häufig zuerst über die Risikobewertung.
Ein Preisanker nach unten (variable Kosten): Der Vortrag machte anschaulich, dass extrem niedrige Preise nicht beliebig „durchhaltbar“ sind. Wenn Preise die variablen Kosten bestimmter Lieferketten unterschreiten, werden Lieferungen unattraktiv – bis hin zu Stornierungen von LNG-Ladungen. Dann reduzieren sich Zuflüsse, was wiederum stabilisierend auf das Preisniveau wirkt.
Brücke zum Strommarkt (Merit-Order-Idee): Als ökonomische Parallele wurde die Merit-Order erklärt: Der Preis wird am Rand entschieden – dort, wo die letzte noch benötigte Einheit den Marktpreis setzt. Auch wenn Gas- und Strommarkt unterschiedlich sind, hilft die Grenzlogik, Preisbildung verständlich zu machen.
Fünf Takeaways aus dem Praxisblick
- Winterwetter ist ein Preissignal, weil es Speicher und kurzfristige Nachfrage unmittelbar beeinflusst.
- Geopolitik wirkt oft zuerst über Risiko und erst danach über echte physische Ausfälle.
- Preisbildung passiert auf mehreren Ebenen: Spot (jetzt) und Termin (Erwartungen).
- Extrem niedrige Preise haben eine ökonomische Untergrenze, weil Lieferketten sonst abbrechen (Unwirtschaftlichkeit).
- Energie ist vernetzte Ökonomie: Markt, Politik, Regulierung und Technologie (z. B. Erneuerbare, Speicher) greifen ineinander.