Interview mit Professor Siegfried Wirth
Wirtschaftsdialog | 16.07.2014

In der Fabrik der Zukunft wird kaum noch ein Mitarbeiter am Förderband stehen. Stattdessen surren Maschinen und spucken intelligente Produkte aus. Denn die Holzplatten wissen von selbst, dass sie als Rückwand eines Schrankes verarbeitet werden und CD-Rohlinge sagen der Maschine, mit welchen Inhalten sie bespielt werden wollen. Professor Siegfried Wirth war bis 2001 Professor für Fabrikplanung und –betrieb an der TU Chemnitz und ist Vorsitzender des Chemnitzer An-Instituts IREGIA. Er beschäftigt sich mit den Fabriksystemen der Zukunft und dem Schlagwort Industrie 4.0. Im MIKOMI-Interview äußert er sich zu Potentialen und Problemen.

Professor Wirth, was kann man sich unter Industrie 4.0 vorstellen?
Dazu müsste ich kurz auf die industriellen Revolutionen eingehen, um zu wissen wo wir her kommen und wohin wir gehen. Heute haben wir einen unheimlichen Veränderungsbedarf. Allein dadurch, dass sich die Megatrends ändern. Sie sind vor allem durch die Entwicklung des Menschen und des Informationsflusses charakterisiert.

Bei der ersten industriellen Revolution – Ende des 18. Jahrhunderts – ging es in erster Linie um die Mechanisierung, Maschinenproduktivität und eine Kommunikation auf Basis der Erfahrung der Menschen. Die zweite industrielle Revolution war die Dezentralisierung der Mechanisierung. Dort ging es um die Einführung von zentralen Steuerungen, welche in erster Linie zur Fließfertigung führten, beispielsweise zur Automobilfertigung in den USA wie bei Ford.

Die dritte industrielle Revolution ist eigentlich durch die Automatisierung gekennzeichnet, durch die Einbeziehung der Informations- und Kommunikationstechnologien. Also durch die line-production-Entwürfe, also einer schlanken Produktion. Das war so um 2000 und wir bewegen uns noch in diesem Bereich.

Und bei Industrie 4.0, also der vierten industrielle Revolution, haben wir die Zielstellung im Vorhinein festgelegt. Und wir befinden uns im Moment im Übergang zwischen der dritten und der vierten Revolution.

Und welche Ziele sollen mit der Industrie 4.0 erreicht werden?
Vor allem geht es darum, dass man versucht die Informationstechnologie zu beherrschen und sie in die Produktionsprozesse einzubinden - von der Herstellung bis hin zur Auslieferung eines Produktes und sogar bis hin zum Recyclingprozess. Alle Prozesse sollen digitalisiert ablaufen.

Stellt man sich aber die aktuelle Unternehmenssituation vor, sind die wenigsten Unternehmen in der Lage diese Prozesse durchgängig zu digitalisieren.

Daraus ergeben sich also die ersten Probleme der Industrie 4.0?
Natürlich, denn hier erfordert es einen Menschen, der die Prozesse auch digitalisieren kann. Dort stehen wir dann vor der Frage: Wie müssen wir ausbilden und wie müssen wir qualifizieren, damit wir überhaupt die Durchgängigkeit der Digitalisierung über den Menschen realisieren.

Außerdem sind unterschiedliche Kommunikations- und Informationssysteme in die Produktion integriert. Und wir wollen funkgesteuerte Sensoren in diese Systeme einfügen, die winzig klein sind. Auf einem CD-Rohling ist dann beispielsweise ein solcher Sensor aufgebracht, der in allen Produktionsschritten ausgelesen werden kann. Eine Maschine weiß so beispielsweise was mit diesem Rohling passieren soll.

Das ist eigentlich das Neue: Wir haben es mit den CPS-Systemen (cyber-physische Systeme) zu tun und damit gehen wir über in die informationsverarbeitende Gesellschaft. Nun die ganze Industrie – also auch die Produktion und die Dienstleistungsbereiche – dahin zu führen, ist eine Sisyphusarbeit die nur step by step geleistet werden kann.