Unternehmensnachfolge ist auch Fachkräftesicherung für die Region
IHK Nachfolgetag | 21. Juni 2018

In Deutschland stehen nach Angaben des Institutes für Mittelstandförderung Bonn (IfM) rund 150.000 Unternehmen im Zeitraum 2018-2022 vor einer Unternehmensnachfolge. Allein in Sachsen sind circa 6.200 Firmen übergabereif. Doch nicht alle Unternehmer beschäftigen sich frühzeitig mit dem Thema. Leider. Denn Unternehmensnachfolge ist ein Prozess, in dem es um Strategien, Finanzen, Recht und vor allem um Menschen geht. Über den Erfolg entscheidet maßgeblich die richtige Vorgehensweise. Dazu diskutierten Unternehmensvertreter und Experten zum IHK Nachfolgetag „Lebenswerk trifft Meisterwerk“ am 21. Juni 2018 in Freiberg.

Für Unternehmensnachfolge gibt es unterschiedliche Wege. Statistiken des IfM Bonn zeigen, dass über die Hälfte der Eigentümer, 53 Prozent, das Unternehmen an die eigenen Kinder bzw. an andere Familienmitglieder als sogenannte familieninterne Lösung übergeben. Fast ein Drittel überträgt das Unternehmen an externe Führungskräfte, andere Unternehmen bzw. Interessenten von außerhalb. Aber auch für geeignete Fachkräfte kann die Unternehmensnachfolge der Einstieg in das eigene Unternehmertum sein. Etwa 18 Prozent der Familienunternehmen übertragen die Firma unternehmensintern an einen oder mehrere Mitarbeiter, so die Zahlen des IfM Bonn. Jede dieser Übertragungen hat ihre Herausforderungen. Aber: „Ein zentraler Punkt ist eine gute Meilensteinplanung, die eingehalten werden muss. Es braucht Vertrauen auf allen Seiten – Eigentümer, Familie, gegenüber Geschäftspartnern und Mitarbeitern“, so Prof. Dr. rer. pol. Torsten Gonschorek, Professor für Management mittelständischer Unternehmen an der HTW Dresden.

Erfolg und Scheitern liegen nah beieinander

Gonschorek kennt das Thema aus verschiedenen Perspektiven. Er war selbst in der Familie in eine Unternehmensnachfolge involviert und forscht im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit zu den Faktoren einer erfolgreichen Unternehmensnachfolge. Bezüglich seiner innerfamiliären Nachfolgelösung zieht er ein ernüchterndes Resümee: „In der Familie sind wir gescheitert!“ Aufgrund seiner Erfahrung bot sich Torsten Gonschorek als Mittler für den Übergabeprozess an. „Ich war beteiligt und nicht unabhängig und wurde nicht als Moderator zwischen Vater, Tochter und Sohn akzeptiert. Das zeigt, wie wichtig ein externer Berater ist.“ Im Resultat bedeutete dies ungeklärte Entscheidungswege und einen ungeklärten Umgang mit den Vermögenswerten bis über den Tod des Eigentümers hinaus. An Ende stand die Insolvenz gefolgt von einem Neuanfang. „Alles in allem braucht es nicht nur einen Plan zur Finanzierung, es braucht ein Konzept für die Übergabe, das auch an Mitarbeiter und Geschäftspartner kommuniziert wird“, so Gonschorek.

Konflikte durch Kommunikation lösen

Überhaupt ist Kommunikation neben einer guten Planung und Strategie sowie deren Umsetzung essentiell. „Gerade Mitarbeiter brauchen im Zuge des Fachkräftemangels Sicherheit, sonst sind sie gegebenenfalls weg“, erläutert Gonschorek. Es sollten klare Kommunikationsregeln geschaffen werden. Dies sei gerade in Familien wichtig. Hier kann eine Familienverfassung mit Rollenverteilung über Führung, Kontrolle und zu Mitspracherechten unterstützen bis hin zu Themen, wie Konflikte gelöst werden und wann wie unabhängige Sachverständige dazu geholt werden sollen. Dies sei zwar nur eine emotionale Sache, die nicht rechtlich bindend ist, aber es schaffe zusätzliche Sicherheiten, um Nachfolge gut und für alle akzeptabel zu gestalten. Gonschorek ermutigt: „Man muss Konflikte aushalten können und sollte sie nicht totschweigen.“

„Die, die das Unternehmen übergeben, müssen loslassen können!“

Spätestens an dieser Stelle wird klar, der Eigentümer selbst spielt eine entscheidende Rolle, wie die Übergabe und auch der Fortbestand des Unternehmens verläuft. Torsten Gonschorek verweist darauf: „Nach der Übergabe ist vor der Übergabe.“ Jeder Unternehmer brauche eigentlich ein „Notfallhandbuch“: Keiner habe die eigene Gesundheit gepachtet, was passiert also bei plötzlicher Krankheit oder bei unvorhergesehenem Ableben? Eine Vertretungsreglung könne hier helfen oder auch Prokura aufschiebend bedingt einzurichten, damit das Unternehmen im Ernstfall handlungsfähig bleibt, sind gute Möglichkeiten Schaden abzuwenden. Auch Fragestellungen wie sicher hinterlegte Pins für Onlinebanking und Geschäftskarten, ausgestellte Vollmachten und Informationen darüber, welche Verträge existieren und wo diese liegen, seien unbedingt zu klären. Und laut Gonschorek ist nicht zu vergessen: „Altunternehmer müssen sich ebenfalls auf die nachfolgende Lebensphase vorbereiten. Auch das ist Teil der Bestandsaufnahme und Umsetzung im Nachfolgeprozess.“

Begleitung durch kompetente externe Berater

Christiane Babatz, Geschäftsführerin der Steyer Textilservice GmbH in Halsbrücke, kann dies nur unterstreichen. Sie hat gemeinsam mit ihrem Ehemann erfolgreich das Unternehmen des Vaters übernommen und beschäftig heute rund 270 Mitarbeiter: „Ich gebe Ihnen den Tipp, holen Sie sich einen kompetenten externen Berater. Denn es knallt. Ich habe mich gut mit meinem Vater verstanden, aber Reibereien sind vorprogrammiert.“ Aus ihrer Sicht sei zudem wichtig, dass der Übernehmende zum einen die Eignung mitbringt, das Ganze aber auch wolle. Denn Unternehmensnachfolge ist ein stetig dauernder Entwicklungs- und Veränderungsprozess.

Von neuen Perspektiven und Vorausdenken

Mit dem Nachfolger kommen neue Perspektiven in das Unternehmen, neue Strategien, ein anderer Führungsstil. Und auch an die Übergabe an die nachfolgende Generation denkt die Unternehmerin schon heute nach. Die Tochter wird im nächsten Jahr langsam ins Unternehmen mit eingeführt, sodass sie perspektivisch allein oder mit einem der Brüder die Geschäftsführung übernehmen kann. Das Unternehmen wird so geführt, dass es perspektivisch nach zehn bis 15 Jahren übergabewürdig ist. Auch das gehöre zur strategischen Entwicklung.

Kurz-Checkliste Unternehmensnachfolge

  • Unternehmensnachfolge ist ein Prozess: Planen Sie für den gesamten Übergabeprozess mindestens drei bis fünf Jahre ein.
  • Eine geeignete externe Begleitung einbeziehen: Suchen Sie sich einen externen Berater. Dies verhindert die emotionale Befangenheit, schafft eine Moderationsbasis bei Konflikten und ist ein unabhängiger Dritter, der alle Aspekte bedenkt.
  • Welche Art der Übergabe sollte und kann erfolgen: Haben Sie einen Nachfolger in der Familie? Gibt es Möglichkeiten einen Nachfolger in der Belegschaft zu finden? Kommt eine Unternehmensübergabe an Kunden, Lieferanten oder Mitbewerber in Betracht?
  • Ist das Unternehmen übergabewürdig: Wie sieht die Unternehmensbewertung aus?
  • Unternehmensnachfolge braucht eine Strategie und konsequente Umsetzung: Erarbeiten Sie einen Meilensteinplan mit Zielstellungen, an dem Sie den Nachfolgeprozess Schritt für Schritt umsetzen können.

    Eine vollständige Liste finden Sie hier:
    Checkliste der IHK-Chemnitz für Unternehmensnachfolge

    Audiopodcast zum Thema

    Im Interview mit Prof. Dr. Torsten Gonschorek und Christiane Babatz.

    Eine Initiative der Fachkräfteallianz im Landkreis Mittelsachsen. 

    Diese Maßnahme wird mitfinanziert durch Steuermittel auf Grundlage des von den Abgeordneten des Sächsischen Landtags beschlossenen Haushaltes.

    Artikel als Download
    Unternehmensnachfolge ist auch Fachkräftesicherung für die Region